wpw-Reporter: Ein Leben wurde ausgelöscht!

Veröffentlicht von admin am 21. Juli 2012 unter Alles, Polizei, Streifzug, wpw-Reporter | 4 Kommentare zu lesen

Nach dem Unfall am 26. Juni in der Potsdamer Zeppelinstraße, in dessen Folge ein vierjähriges Mädchen ums Leben gekommen war, hat sich Kay-Uwe Blietz Gedanken über egoistische Verkehrsteilnehmer in Werder gemacht. Hier sein bewegender Beitrag:



Von Kay-Uwe Blietz

Stirbt ein naher Verwandter oder guter Freund ist dies von Trauer begleitet. Wird ein Kind aus dem Leben gerissen, kann man das Leid und den Schmerz der Eltern nicht ermessen. Mir, als Vater einer zweijährigen, lebensfrohen und quicklebendigen Tochter, versagt es dazu jede Vorstellungskraft. Unweigerlich bauen sich Horrorbilder vor meinem geistigen Auge auf.

Es ist ein Sommerabend im Juni 2012. Die Potsdamer Abendluft ist angenehm frisch, der Sommer bemüht sich die langen Nächte zu versüßen. Eine Mutter steigt zusammen mit Ihrer 4-jährigen Tochter aus der Straßenbahn. Vielleicht auf dem Weg nach Hause oder zu den Großeltern. Wie immer, an der gleichen Haltestelle in der Zeppelinstraße. Die Mutter, vermutlich noch in Gedanken, die Kleine schnell ins Bett zu bringen. Wahrscheinlich hört Sie noch dieses unbezahlbare Kinderlachen, welches beklemmend-zögerlich anschwillt zu einem schrillen Schrei. Kein Trotzschrei, kein Geheule oder Kinderjammern. Nein, ein Klageton, welchen keine Mutter, kein Vater je hören sollte. Ein Flehen, pure Angst, ein Hilfeschrei der endgültig klingt und nicht beantwortet werden kann.

Ein junger Fahrer aus Werder (Havel) erfasst mit seinem Fahrzeug das kleine Mädchen, katapultiert es meterweit durch die Luft, wo es dann mit einem dumpfen Schlag auf dem blanken Stein leblos liegen bleibt. Nur bleiern begreifend, bringt die Mutter den Todesruf in Gleichheit mit dem, vor Ihren Augen, durch die Luft geschleuderten, zerbrechlichen Körper ihrer Tochter.


Danach!? Stille, Entsetzen und ein blutiger Leib regungslos auf der Straße. Und die Ursache? Gegen den BMW-Fahrer aus Werder wird wegen des Verdachts der fahrlässigen Tötung ermittelt. Er hätte halten müssen und fuhr weiter. Die Ursache war also wahrscheinlich EGOISMUS, welcher mit rüdem Ton und Handeln gegen jeden in unserer „zivilisierten“ Gesellschafft eingesetzt wird. Ein Egoismus der zur Mode geworden ist, um etwas darzustellen, cool zu wirken, besser, weiter oder schneller als alle anderen zu sein. Ein Egoismus der auf Dummheit und Arroganz beruht.

Den gleichen Egoismus erleben wir Tag für Tag hundertfach auf Werders Straßen. Kolonnen von autofahrenden Ignoranten verfolgen in den 20er und 30er Zonen mit doppelter Geschwindigkeit Ihre Opfer. Mütter jagen durch die engen Gassen der Insel und nehmen es in Kauf, an Kindern auf den schmalen Gehwegen mit nur 30cm Abstand vorbeizudonnern. Fahrradfahrer werden, trotz entgegenkommenden Verkehrs, mit weniger als 50 cm „Abstand“ in der Potsdamer Straße geschnitten.

Die Begründung und Selbstbetrug der Egoisten: „Ich war in Eile, ich hatte wenig Zeit!“. Ein 20km/h Schild bedeutet 20 Kilometer in der Stunde, also nicht viel schneller als ein Fahrradfahrer und schon gar nicht vierzig km/h. Noch einmal zum mitrechnen für alle Straßenrowdies. Von „Unter den Linden“ bis zum weitesten Autofahrpunkt auf der Insel sind es gerade einmal 750 Meter. Auf einer geraden Strecke sind diese mit 40 km/h in 66 Sekunden zu schaffen. Jede Kreuzungen und jedes Anfahren abgezogen bleiben noch 10-15 Sekunden schneller als mit 20km/h gefahren. Da nicht alle die 750m bis zur Fischerstraße Nr. 1 fahren müssen, können Sie davon ausgehen, dass Sie eigentlich weniger als 10 Sekunden wettmachen, dafür aber doppeltes Tötungs-Risiko für andere herbeiführen. WARUM?

Die Straßenzüge der Insel sind durch die Reihen geparkter Autos noch unübersichtlicher als frei einsehbare Haltestellen. Kommt hier ein Kind zwischen zwei Autos hervor gelaufen, habt Ihr Egoisten keine Chance ohne Gefängnis und lebenslanger Gewissensplage weiterzuleben. Werte Egoisten, es braucht nur ein oder zwei Sekunden, um ein Fahrrad mit richtigem Sicherheitsabstand zu überholen. Diese wartet man dann sowieso an der nächsten Ampel. Sekunden, die aber einem anderen Menschen das Leben kosten können. Ein ausreichender Sicherheitsabstand bedeutet nach richterlicher Entscheidung mindestens 1,50m (OLG Hamm -6 U 105/03). Das ist fast eine ganze Fahrzeugbreite!

Keiner will fühlen, was die Mutter in den letzten Sekunden Ihres Kindes durchmachte.

Es waren nur Sekunden, die der Fahrer aus Werder vielleicht „gut“-machen wollte. Sekunden, die der Mutter wie Stunden vorkamen. Es waren Sekunden, die ein Leben, bevor es überhaupt zu Leben begann, beendeten. Es waren nur Sekunden, welche das Leben der Eltern zerstörten und wohl auch das Leben des Täters selbst.”

Bei allem Egoismus gegen sich selbst, sind es Sekunden wirklich wert einem anderen Leid anzutun oder gar zu töten? Es sind nicht die anderen, die alles falsch machen, es sind wir Egoisten, die anfangen müssen es richtiger zu machen. Der 23 jährige Werderaner ist nicht schlimmer oder besser als die Autoegozentriker auf Werders Straßen, welche in Ihrer Rüstung „Auto“ vergessen, dass es da „draußen“ auch noch andere gibt. Unsere Kinder.

 

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  • Inselbewohner said,

    Die Argumentation von Herrn Blietz kann ich nur voll unterstützen. Beweis für die Rücksichtslosigkeit der Autofahrer auf der Insel sind die an einigen Stellen neu aufgestellten Hinweischilder “Schritt fahren” . Offensichtlich eine Notwendigkeit, die PKW -Fahrer im Zaume zu halten, aber leider wenig beachtet , wie auch das 20km/h Gebot auf der ganzen Insel viele Autofahrer nicht animiert langsam zu fahren. In der winzigen Bergstr. z.B. rast ein Motoradfahrer regelmäßig mit 50-60 km durchs Gässichen, auch mit dem PKW, eine große Gefahr für die die Beschaulichkeit der Insel geniessenden Spaziergänger und arglos spielende Kinder oder aus der Hoftür tretende Anwohner. Muß denn wirklich immer erst etwas so schreckliches passieren?

  • Michael Neumann said,

    Ja Ja immer die bösen Autofahrer.

    Wenn ich mit dem Fahrad unterwegs bin ist der Autofahrer in mir immer wieder zu erkennen.
    Ich halte an roten Ampeln an – gefühlte 95% der Radfahrer nicht. Vorfahrtsregeln sind ein Fremdwort und die neuen ‘Schutzstreifen’ werden als Radweg interpretiert auf denen kein Auto fahren darf. Also wird schnell mal ohne Rücksicht auf die Autos aus der Nebenstraße in die Vorfahrtsstraße abgebogen.
    Es wird immer wieder angemeckert das die Autofahrer die Abstände nicht einhalten – die Radfahrer sind auch nicht besser. Da wird sich rechts am stehenen PKW vorbeigedrängelt – Spiegel haben ja schließlich ‘Sollbruchstellen’ wenn der Platz mal wieder nicht reicht.

    Ich fordere Angleichung der Strafen für alle Verkehrsteilnehmer und eine Führerschein und Kennzeichenpflicht für Radfahrer.

  • Sabine Heinze said,

    Guten Tag,
    ich bin auch Autofahrerin in Werder und soeben mit dem Fahrrad in der Stadt gewesen.
    Der Beitrag von Herrn Neumann mag zwar teilweise zutreffend sein, trotzdem kann ich mich dem nicht anschließen.
    Just in der Potsdamer Straße wurde ich, obwohl Autos von vorn kamen, von einem Jeep sehr dich überholt.
    Auf dem Fahrrad ist man nicht so geschützt, wie im Auto und das Gefühl, ausweichen zu müssen/ zu wollen, obwohl das gar nicht geht, ist sehr beängstigend. Durch daraus folgende Unsicherheit kann es schnell zu einem Unfall kommen.
    Den Artikel von Kai-Uwe Blietz würde ich jederzeit unterschreiben.

  • Kay said,

    Hallo Michael,
    mein Artikel war hauptsächlich für/gegen den Egoisten in uns geschrieben. Fahrradfahrer sind meistens auch Autofahrer und ebenfalls Menschen. Es gibt keine Unterschiede, sie sind alle gleichberechtigte Verkehrsteilnehmer. Auch Autofahrer rasieren anderen Autos die Seitenspiegel ab … und bestimmt öfter als per Pedes. Über 80 Prozent aller KFZ-Unfälle sind folgen der Missachtung roter Ampel und der Vorfahrt. Sollten diese dann auch von der Straße gedrängelt werden? Hier über die gerade mal 2% radfahrerende Verkehrsteilnehmer herzuziehen gibt keinen Freibrief das Leben von Menschen an anderer Stelle zu gefährden? Wieviel Lackkratzer sind ein Menschenleben wert? Wenn für jedes auf dem Radweg falschgeparkte Auto ein Seitenspiegel fehlen würde, führen wahrscheinlich 70% aller Autos ohne Spiegel! Tun Sie aber nicht. Jedensfalls nicht absichtlich, denn sowas tut auch Radfahrern weh.
    Allein in 2011 verunglückten tausende Fahrradfahrer zum Teil schwer und ca. 400 davon tödlich. Und warum? Durch ein Rechtsmissverständnis oder Egoismus deutscher Autofahrer? Das sind 18-Prozent aller Verkehrstoten, bei weniger als 2-Prozent Verkehrsbeteiligung! Ist dies etwa Lynchjustiz? Ich kann der Argumentation nicht folgen: „Ah, schau der Fußgänger geht nicht schnell genug über die Straße, da werde ich dem nächsten in der 20-ziger Zone mit 40 Sachen die Hacken abfahren.“ Ich bin jeden Tag auf PM-Straßen mit dem Fahrrad unterwegs, was sich da abspielt ist der blanke Horror. Sabines Erlebnis in der Potsdamer Straße ist Normalität. Überholen bei entgegenkommenden Verkehr. Jeder 8. Kraftfahrer müsste wegen grobfahrlässigen Tötungsversuchs sofort in eine 1,50m x 1,50m große Zelle, damit er den Sicherheitsabstand begreift. Ich weiß nicht wann sich ein Autofahrer das letzte Mal von einem Radfahrer lebensbedroht gefühlt hat. Und darum geht es! Um Fairness und Respekt vor dem Leben anderer und nicht dämliche Seitenspiegel die man wieder anklebt. Ein Menschenleben klebt sich nämlich arg schwer zusammen.

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